Seelen- und Hirnexhibitionismus

Sonntag, November 05, 2006

New Kids on the Block

(Soundtrack: Feeder – Yesterday went too soon)

Semesteranfang: Hunderte neuer Erstis rennen verwirrt durch die Flure der Seminargebäude. Jung sehen sie aus. All die Jungs, mit Flaum im Gesicht. Die Mädels, auf deren Zähnen man beim genauen hingucken wahrscheinlich noch die Abdrücke ihrer festen Zahnspangen sehen könnte. All das junge Gemüse, alle die denken Nena würde erfolgreich deutsch Singen, weil es Wir Sind Helden auch schon getan haben und nicht umgekehrt. Sie geben mir das Gefühl eher das Alter von Walter Matthau als das von Ashton Kutcher zu haben bzw. lassen mich fragen, ob ich nicht doch noch mitten in meinem letzten Schulpraktikum bin. Da vor der Mensa keiner Fußball mit nem verfilzten Tennisball spielt und auch niemand hier „Magic – The Gathering“- Karten tauscht, verwerfe ich diesen Gedanken schnell wieder.

Verwirrt sehen sie aus die Armen und irgendwie orientierungslos. Wie kleine Entenküken hängen sie am „Rockzipfel“ der Fachschaftlern und Astaberatungen, kaufen mehr Literatur als sie tragen können und lassen sich mit großen Augen durch die Seminarbibliotheken führen, dessen Ruhe und Mangel an Abwechslung sonst immer der perfekte Ort zum lernen für mich war. Plötzlich steht eine Traube Erstis um den Handapparat der nur einen halben Meter von meinem Arbeitsplatz entfernt steht. Einige luschern zuerst interessiert auf meinen Schreibblock, was der Jay so drauf kritzelt, können es aber scheinbar nicht entziffern. Wenige Minuten später trampelt die Herde wieder raus durch die Glastür, hinterlassen eine Duftwolke aus billigem Axe-Deo und ich könnte schwören einige „Orsay 9,50 €“ – Preisschilder auf den Boden liegen gesehen zu haben. Ich hätte ihnen gerne Trost gegeben aber es ist besser für sie, wenn sie die harte Wahrheit gleich erfahren: „Ihr glaubt es ist nur am Anfang so chaotisch und unübersichtlich. Ihr glaubt, nur die Erstsemester- veranstaltungen sind überlaufen! – Nein, es bleibt so schlimm! Seht mich an! Die Uni hat mich zudem gemacht, was ich heute bin: Ich bin ein gebrochener Mann!“, möchte ich ihnen hinterher rufen. Doch ein zischendes „Pssst, leise!“, der Bibliothekarin unterbricht mich.

Denn während z.B. im Nachbarland Niedersachsen schon Studiengebühren gezahlt werden, belegen die um 30% höheren Studentenzahlen in Kiel, dass die Schleswig-Holsteinische Landeshauptstadt kurzzeitig als gebührenfreies Paradies gesehen wird. („Während in Villariba noch gefeiert wird, wird in Villabajo noch geschrubbt.“) Mittlerweile bricht auch der Widerstand der Dozenten weg, die sich noch vor einem halben Jahr weigerten mehr als 10 Leute über die angegebene Teilnehmerzahl in die Seminare zu nehmen, um einen Protest von Seiten der Studenten gegenüber der Unipolitik und so eine Verbesserung der Situation zu provozieren. Womöglich werden die höheren Studentenzahlen auch noch als Argument für die Notwendigkeit der Studiengebühren herangezogen, die ja schon längst beschlossene Sache sind…. – Geht doch alles den Bachrunter!

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