Seelen- und Hirnexhibitionismus

Montag, Oktober 23, 2006

Jan Delay – Mercedes Dance

Im Sterninterview ließ der selbst ernannte„Delay Lama“ verlauten, dass er „Wir sind Helden“ nicht möge, da sie Musik machen, mit der jeder was anfangen könne. Nach seinem neuesten Soloalbum kann sich der Ex-Beginner diesen Vorwurf wohl auch machen. Vorbei sind die Zeiten wo er seine sozialkritischen Parolen auf melancholisch schweren Reggaebläsern (wie z.B. bei „Vergiftet“ oder „Ich will nicht, dass ihr meine Lieder singt!“) in die Welt hinaus krakelte. Tanzbar soll der neue Jan Delay-Sound sein ohne die vor Wortwitz nur so strotzenden, subtil einfließende Sozialkritik einzubüßen. Denn Medizin muss süß sein, damit auch die Kiddies sie schlucken. Erstaunlicherweise büßt er trotz erhöhter Bravo-Präsens, Designersakko und mehr Mainstreamtauglichkeit nichts an seiner Hip-Hop- Credibility ein.

Der funkige Tanzflächenfüller „Klar“ dürfte bereits jedem im Ohr rumspuken. Wer aber gedacht hat, das wäre das einzige „Ausnahmestück“ auf dem Album, der irrt. Denn Jan’s „Wäschklammer auf der Nase“- Stimme lässt sich unverhofft vielseitig einsetzen. „Feuer“ zum Beispiel kommt ungewohnt rockig mit E-Gitarren und Trompeten daher. Mit „Gasthaus zum lachenden Stalin“ findet sich sogar eine waschechte Jazz- Instrumentalnummer auf der LP und „Für immer und dich“ (wohl die nächste Single) punktet als soulige Ballade. Bei dem grandiosen Arrangement in letzterem verschmerzt man fast, dass dem Herren Eißfeldt eigentlich die Stimme für Lovesongs fehlt und ihm ironische Texte besser stehen. Wahrscheinlich wollte die Plattenfirma gerne eine Quotenballade.

Ansonsten geht textlich einiges. So rechnet er in „Kartoffeln“ mit den deutschen Tugenden ab (Textauszug: „…Über dieses öde Gemüse und seine Eigenschaft: Stärke zu besitzen aber leider keinen Geschmack.“) oder philosophiert in „Plastik“ auf 80ies Discosound über Oberflächlichkeiten.

Jan Delay schafft es die guten Tugenden der früheren Beginner- und Soloproduktionen zu konservieren und sie gleichzeitig schöner zu verpacken. Ein erwachsenes Album das die alten Fans mehr als befriedigen wird aber auch neue, junge Fans erreichen wird.

1 Comments:

Anonymous Steffen said...

"Für immer und dich" ist ein Rio Reiser Cover, und er hat es nicht gut gemacht. Gibt Dinge, die sollte man lassen.

28 Oktober, 2006 12:29

 

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