Seelen- und Hirnexhibitionismus

Sonntag, September 03, 2006

Du wurdest gegruschelt!

(Soundtrack: Billy Talent – Pins and Needles)

Diese Meldung finden seit einigen Monaten ca. 10 % aller Studenten in Deutschland in ihren E-Mailpostfächern. Genauer gesagt, all jene die sich bei www.Studiverzeichnis.net angemeldet haben. Dabei ist das Wort „gruscheln“ weniger ein misslungener Versuch eines Legasthenikers jemand zu grüßen, sondern vielmehr eine Mischung aus grüßen und kuscheln. Könnte also auch drüßen heißen (von drücken). Wer bei der technisch etwas besser ausgestatteten Domain (die allerdings bei weitem nicht so viele User fasst) www.studylounge.de ein Profil besitzt, dem wird zugezwinkert. „Was soll das Ganze?“, mag man sich jetzt fragen. Nun, seit langem kann man das bei der Berufswahl häufig zitierte „Selbstverwirklichen“ gerade bei Internetseiten (egal ob Blogs, das Profilnetztwerk www.Myspace.com, Jobbörsen wie www.monster.de oder kostenpflichtige Online-Singlebörsen) mit dem Wort „gezielte Selbstdarstellung und Selbstinszenierung“ ersetzten. Als Vorbild für die oben genannten Studentenplattformen kann wohl www.Kiezkollegen.de betrachtet werden, die sowohl in Hamburg als auch in Hannover (Den Hannoveraner Kiez soll mir mal einer zeigen!) Partyvolk, Schüler, Studenten sowie Partnersuchende (Bitte ankreuzen: vergeben/ suche/ suche dringend!!!) miteinander verbindet. Schon hier konnte man anhand von Verbindungslinien erkennen, wer wen über wen kennt.

So legt sich jeder, mehr oder weniger bemüht, ein Profil an, dass die üblichen Erstfragen bei einem oberflächlichen Kennen lernen abdecken würde.

Beispiel:

Name: Horst Humbug
Berufsziel: Schaufensterdekorateur bei Aldi
Hobbys: Briefmarkenlecken
Motto: Karohemd und Samenstau, ich studier Maschinenbau! … etc. etc.

Allerdings verhält es sich hier wie bei den Castingshows, wenn die Kandidaten und ihre Familien zu Hause vorgestellt werden: Man hört immer nur „Sie ist so ein Lebensfrohes Mädel und ist immer Hilfbereit.“, nie ein „Am liebsten sitzt sie alleine zu Haus vor dem Rechner oder quält ihre einäugige Katze und eigentlich hasst sie Menschen über alles.“, so dass zwischen Sympathie und Antipathie in den meisten fällen nur das Foto entscheiden kann. So kommt es, dass viele der User hier wohl mehr „Freunde“ haben dürften als im richtigen Leben. Pinnwandeinträge (für jeden Profilbesucher einsehbar) werden gesammelt wie Happy Hippos aus dem Ü-Ei und das eigene Profil muss mehrmals am Tag eingesehen werden, damit das Ego massiert wird. Leute die man sonst eigentlich nur mit den Arsch angucken würde, aber mit denen man früher mal die Schulbank gedrückt hat, dürfen getrost in der Freundesliste landen. Denn aus Ermangelung einer Webcam, können die ja nicht sehen, wie man bei ihrem Anblick Grimassen schneidet oder die Nase rümpft. Neue Bekanntschaften im „Real Life“ müssen einen nicht mehr umständlich die Emailadresse notieren. „Schreib mir doch über das Studiverz.!“, heißt es dann. - Herzlichen Glückwunsch! Sie haben so viele Plastikfreunde Gewonnen, wie sie tragen können!

Warum ich soviel über dieses Substitut des „Ausquetschers“ bzw. des Poesiealbums aus der Grundschulzeit weiß? – Hallo? Ich schreibe Weblog. D.h. ich bin einer der schlimmsten Internet Selbstdarsteller überhaupt!

1 Comments:

Anonymous Michael Brehm said...

Hi, ein ganz lustiger Blog. Wurde auch mit großem Interesse vom StudiVZ Team gelesen. Cheers aus Berlin aus der StudiVZ Zentrale!
Michael

08 September, 2006 14:00

 

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