Seelen- und Hirnexhibitionismus

Mittwoch, Mai 17, 2006

Tempeau im kieler Lunaclub oder: Michael J. Fox am Bass?

(das Publikum lauscht emotional berührt Jan Plewkas Stimme bei: Vorbei)

Erinnert sich jemand an die Szene in Steven Spielberg’s „Zurück in die Zukunft“ in der Michael J. Fox alias Marty McFly auf der Bühne in den 60er Jahren „Johnny be good“ rockt? – Nein? Na ja, aber ich fühlte mich an diese Szene erinnert, als ich gestern Abend den Ex-Schauspieler (unter anderem in „Kaliber Deluxe“) Marek Harloff am Bass, in dunklem Jacket Punkrocksongs zum „besten“ gebend, sah. Aber alles der Reihe nach.

Als ich vor ca. 3 Wochen die Plakate zum kommenden Tempeau-Konzert sah, konnte ich noch nichts mit dem Bandnamen anfangen. Erst nach diversen Gesprächen mit Freunden wurde es mir klar: „Das ist doch die neue Band von Jan Plewka, dem Ex-Sänger von Selig und Marek Harloff. Die waren auch beim Bundesvision Songcontest bei Stefan Raab und waren da ziemlich mies.“ – Achso, das konnte ich mir irgendwie kaum vorstellen. War doch Jan Plewka derjenige, der während meiner Jugend doch einige Rockhymnen schrob und zusammen mit dem Gitarristen Christian Neander (später bei KungFu) die „im Ausland beliebteste, deutschsprachige Band“ der frühen 90er Jahre gründete (heute dürften wohl Rammstein diesen Titel tragen). Bei http://www.kiel4kiel.de/ las ich dann die Rezi der neuen Platte, die Versprach, dass Plewka bei diesem nicht nur die Songs geschrieben hat, sondern auch wieder häufiger ans Mikro durfte.


So brauchte ich auch nicht lange überlegen, als mich eine gute Freundin fragte, ob ich sie zum Konzert begleiten würde. Schon in der Warteschlange an der Abendklasse wurde klar: Jan Plewka ist nicht mehr der Superstar, der er mal war. Sonst hätte er wohl kaum seelenruhig neben den vermeintlichen Fans stehen und die Gästeliste überprüfen und kurz darauf mitsamt seiner privatgeladenen Gäste in die benachbarten Kneipen abdampfen können, ohne wildes Gekreische zu verursachen. Ich stand derweil mit einem leichten Schmunzeln da, sagte nichts und betrachtete diesen Kerl, dessen Stimme ich mit ca. 15 Jahren so oft von Band oder CD gelauscht hatte. Der, der das grandiose „Ohne Dich“ komponierte zu dessen Klängen ich damals so manchen Liebeskummer ausgebadet hatte. So dauerte es noch eine ganze Weile bis sich überhaupt etwas auf der Bühne rührte. So betrat zuerst ein gewisser Justin Balg mit seiner Akustikgitarre die Bühne. Justin (bei schlechtem Licht eine Art Simon Gosejohan- Look-a-like) spielte eine Art Lagerfeuer Deutschrock, dessen schwellender Gesang in guten Momenten an die ruhigeren Seligsongs erinnerte aber ohne dessen Klasse und Theatralik.

Erst gegen 22.45 ging es dann mit Tempeau los. Zu meiner Enttäuschung wurden die meisten Songs vom Bassisten Marek gesungen oder besser gerotzt. Denn sein Job sind die härteren, schnelleren Songs, wobei ich hier auf die Anspielung mit Michael J. Fox zurückkommen muss: Die Punkattitüde wirkt bei ihm leicht aufgesetzt, denn sie passt irgendwie nicht zu seinen äußeren Erscheinungsbild: Milchgesicht, geleckter Scheitel. Diese Art von zerbrechlich, rotziger Stimme hatte mich bei z.B. bei Tocotronic nie gestört. Hier aber schon. Dieses Urteil mag unfair und vor allem oberflächlich sein, aber es dürften einige teilen. Denn Beifall bekamen doch eher die etwas poetischeren, nachdenklicheren Songs, die von Jan gesungen worden sind. Man merkt ihm dann doch die höhere Fancredibility an. Und das er immer noch ein verdammt guter Songwriter ist. Besonders bei der Zugabe „Vorbei“, bei der Jan auch mal seine Gitarre an Marek abgab merkte man, dass der Qualitätsunterschied zwischen Selig und Tempeau so groß nicht sein müsste. Zum Amusement der Zuschauer gab Jan dann noch folgende Geschichte zum Guten. Jan nach vergeigtem Bundesvision Songcontest völlig fertig trifft auf Elton. Elton: „Ach, Herr Plewka. Seien sie nicht traurig, sie waren doch schon mal Popstar!“ - Tja, das könnte er auch wieder sein.


0 Comments:

Kommentar veröffentlichen

Links to this post:

Link erstellen

<< Home