Seelen- und Hirnexhibitionismus

Freitag, Mai 12, 2006

Grillseason vs. „We feed the world“

(iTunes spielt: Creme 21 – Ich mag Tiere)

Der Schlafende ist wieder erwacht: Der Homogrillensis. Die Bekleidungsgeschäfte merken, dass der Frühling quasi übersprungen wurde und werden wohl den Großteil des Umsatzes der Sommersaison jetzt im Mai schon umgesetzt haben. Wenn ich so freitags gegen 17 Uhr verschlafen durch den Minimal schlurfe, ist der Kampf ums kalte Bufet schon längst gelaufen und für mich der drops gelutscht. Das in diversen Marinaden eingelegte und eingeschweißte Hähnchenfilet, das ein gelernter Fleischer wahrscheinlich eher seinem Hund als seiner Familie andrehen würde, ist ratzekahl ausverkauft. Im Bierregal sieht es ähnlich aus: Bis auf die Fans von Grenzquell Pils gibt es nur noch Sixpacks zum selber bauen (man nehme 6 Bier und packe sie in eine Tüte). Im Max Bahr Baumarkt suche ich nach einem billigen Einweggrill und finde einen schicken Grillpavillon unter dem diverse Grills in allen erdenklichen Formen (vom 3 € Einweggrill bis hin zum großen Schwenkgrill, der Rund und silber wie eine Diskokugel daherkommt) samt passender Gartenmöbel und bin kurz davor gleich hier mein Aldigrillfleisch und mein Pils aufzureißen halte mich aber doch zurück und mach mich auf in den Park, wo bereits an zehn Stellen die Rauchschwaden aufsteigen und die Luft so trübe wie Becker’s Bester
Apfelsaft machen. Irgendwie müssen wir das noch von den Neandertalern über haben. Das erlegte Tier auf selbst gemachten Feuer zu garen um damit unsere Männlichkeit unter beweis zu stellen während Frau den Salat schnippelt. Die Jagd nach dem Tier ist, auch wenn schon tot, mariniert und eingeschweißt ist, immer noch recht abenteuerlich, wenn man sich die langen schlangen an der Aldikasse anguckt.

Ist es Zufall dass gerade jetzt Erwin Wagenhofer’s Doku „We feed the world“ in die kleineren Lichtspielhäuser kommt? Eigentlich wollte ich heute wieder totes Tier bei Aldi holen um später am Abend wieder eine Grillette zu starten. Das werde ich wohl nach dem gestrigen „Genuss“ des Films immer noch tun, aber es wird mir beileibe nicht mehr so gut schmecken. Denn Wagenhofer zeigt schonungslos die Abgründe in unserer Ernährungsindustrie, dass einem das Popcorn schon mal im Halse stecken bleibt. Die Geschehnisse sind gruseliger als jeder Splatterfilm, denn er zeigt die Welt wie sie ist.

„Die Weltwirtschaft könnte ohne Problem 12 Milliarden Menschen ernähren. Das heißt, ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.“, sagt Jean Ziegler, UN-Sonderbericht-erstatter für das Recht auf Nahrung. Ein französischer Fischer kommentiert den Fang eines Industrieschiffes mit: „Also so was würde ich nicht essen. Wir sagen: Es ist nicht zum Essen, es ist zum verkaufen.“ Ferner wird beleuchtet, wie für den Sojaanbau Regenwald abgeholzt wird, das Soja aber nicht für die hungernde Bevölkerung sondern zur Mast unserer Hühner verwendet wird, Treibhaustomaten aus der EU in den Senegal exportiert werden und zu einem Drittel des eigentlichen Marktpreises in Dakar verhökert werden und somit den einheimischen Bauern die Lebensgrundlage entziehen. Die Zusammenhänge sind so pervers wie verstörend. In Zeiten der Globalisierung scheint nur noch der Markpreis zu zählen. Dabei werden wohl einige der interviewten Arbeiter und Bauern für ihre Kritik an der jeweiligen Konzernleitung wohl nach dem Film ihren Job verlieren.

„We feed the world“ erzählt an sich nichts, was wir nicht schon einmal gehört (aber auch erfolgreich verdrängt) hätten. Und doch birgt der Film eine ungeheure Argumentationskraft, die zum einen durch schockierende Bilder (wir beobachten eine Komplette Masthuhnzucht vom Ei über die lebenden Küken, die wie Tischtennisbälle durch Ketten von Fließbändern und Sortiermaschinen gejagt werden, bis sie irgendwann gemästet kopfüber vom Fließband hängen und ihr Hals durch eine zuerst durch elektrisiertes Wasser, dann durch eine rotierende Klinge gezogen wird) aber vor allem durch eine klare, unmissverständliche Argumentation, die eigentlich jeder „Sendung mit der Maus“- Gucker verstehen kann. Ich würde am liebsten das Doppelte für das Fleisch bezahlen, um mein Gewissen zu beruhigen.

1 Comments:

Anonymous Bateman said...

Was ich nur nie verstehe ist, dass alle Welt in Deutschland schön mit Holzkohle grillt, aber nur in OWL auch in den Imbissstuben die Bratwürstchen lecker von einem Holzkohlegrill kommen, anstatt ekelhaft in Fett zu schwimmen.

15 Mai, 2006 20:25

 

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