Seelen- und Hirnexhibitionismus

Montag, Februar 13, 2006

Bitte nicht beim Selbstmitleid stören!

(I-Tunes spielt: Kettcar – Im Taxi Weinen)

Sonntagnachmittag, es geht nach Hause. Die Uni ist vorerst Passe, die meisten meiner Leute eh weg. Außer dem DSL- Anschluss und den größeren Fernseher hält mich hier nichts mehr. Der Alcohollyday vom Samstagabend wird an diesem Morgen mit Zins und Zinseszins (die Dinge, die ich verdrängen wollte sind wieder präsenter denn je und mein Kopf passt nicht mehr gerde durch die Tür) zurückgezahlt. Als ich endlich im Zug sitze eine ernüchternde Ruhe, mit der mein rastloses Gemüt genauso wenig klarkommt wie mit Lärm. Verzweifelt durchsuche ich meinen I-Pod nach Musik, die mich weder runter reißt die aber auch nicht zu euphorisch klingt. Nach dem Anspielen mehrerer Songs bleib ich schließlich bei den Wallflowers hängen. Jakob Dylan klingt angenehm neutral wie ein Vulkanier, als würde er dem Hörer sagen wollen: „Eure Neutralität, welchen Song beliebt es Ihnen zu lauschen?“. Später höre ich dann Kettcar, dessen Texte zwar sehr nachdenklich aber gleichzeitig manchmal zu kopflastig distanziert wirken als dass sie einen wirklich nahe gehen könnten.

Trotz der Ohrstöpsel höre ich noch wie der Lokführer mit einer ungespielten Heiterkeit und einen Dialekt, bei dem ich nicht unterscheiden kann, ob er irgendwo aus Dunkeldeutschland kommt oder einfach betrunken ist, die Fahrgäste begrüßt. Scheinbar will er mich aus meiner wohlverdienten Lethargie reißen, aber das lasse ich mir nicht gefallen! Als wäre sein (Wir sind alle fröhlich-) Gelaber nicht schon genug erklingt plötzlich das nervige Schnappi- Lied. Verwirrt schaue ich mich um, in Erwartung dass irgendein geisteskranker Fahrgast sich den Schund als Handyklingelton im Jamba- Spar- Abo (Spar- Abo heißt, dass man es sich sparen sollte!) runter geladen hat. Tatsächlich kommt es aus den Zuglautsprechern. „In Horrorfilmen wie Saw gehen doch auch immer Spieluhren an, bevor die morbide Falle zuschlägt…“, denke ich mir und drehe kopfschüttelnd die Lautstärke des MP3-Players auf bevor sich meine Nackenhaare völlig aufstellen und meine Hände zu schwitzen beginnen.

In Hamburg angekommen, warte ich auf meinen Anschlusszug und wundere mich, wo die ganzen Pärchen herkommen, die sich am Bahnsteig entweder nach langer Trennung glücklich in die Arme schließen oder sich Tränenreich voneinander verabschieden. Dem Schnorrer der 50 Cent von mir haben will begegne ich so gleichgültig wie dem vergeblichen Klingeln der Zeugen Jehovas. Naja, er kriegt von mir den Groschen, damit ich mich weiter wehleidig sein kann. Obwohl ich weiß nicht, wie er damit nach Bad Oldesloe kommen will.

1 Comments:

Anonymous Bateman said...

Die neue Melancholie? Wurde Donnerstag schon auf Polylux propagiert.

14 Februar, 2006 21:40

 

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