Seelen- und Hirnexhibitionismus

Dienstag, Januar 03, 2006

Bulgarische Frikadellen

(I-Tunes spielt: White Stripes: My Doorbell)

Mittags 13.53 Uhr Hamburger Hauptbahnhof. Jay hat gerade die Hälfte der Heimfahrt (in Erwartung auf eine gehörige Portion “Lebensqualität”) hinter sich. Die interne Statusanzeige verkündet: 40 Minuten Zeit bis zum Anschlusszug und leerer Magen. Wie also könnte ich die Zeit besser verbringen als beim Füllen des selbigen? Gedacht getan. Dem Pizza Hut auf der anderen Seite des Bahnhofes, dessen Personal mich bereits kannte und schon beim ersten Erklingen meiner Schuhsohlen ein Tagesmenü No. 2 in den Ofen schmiss, erlitt in den letzten Monaten das gleiche Schicksal wie seine direkten Nachbarn: Dicht gemacht! So entdeckte ich in der Vandelhalle eine Fresshöhle, die scheinbar keine Wünsche offen lässt. Hier vereinten sich Fast-Food-Ketten wie Subway, Kentucky-Fried-Chicken, Cafes oder Pastabars auf kleinstem Raum. „Runde Sache!“, denk ich mir. Freie Auswahl plus stressfreien Pressvergleich (in der Theorie). So stolpere ich nach kurzem Entscheidungsprozeß mit meiner Reisetasche, in der locker ein toter GI Platz gefunden hätte, an sperrigen Kinderwagen und nach fettigen Burgern japsenden Kunden vorbei an die Kasse von KFC.

Die asiatisch anmutende Kassiererin beherrscht genug deutsch um flöhlich und höflich die Knöpfe auf ihrer Kasse wie „zum hiä Essähn?“ abzulesen. Währenddessen gucke ich mich im Fresstempel um, und frage mich, wo denn bitteschön dieses „hiäh Essähn“ sein soll. Mit dem erlegtem „Vogelgrippe Survivor“ auf dem Tablett, der allerdings im Nachhinein auch nicht mehr Glück als der tote GI in meiner Tasche hatte, sehe ich um die Ecke. Der Tisch, der den Farben zu urteilen zu dem Hühnerfleischfranchiseunternehmen gehört, hätte nicht mal als Katzentisch beim Kindergeburtstag meiner 4 jährigen Nichte eine gute Figur gemacht. Mit einem Blick, der wahrscheinlich dem von Fury vor der Pferdewurstfabrik ähnelt, schau ich zum Tisch des Cafes gegenüber, dessen Schild „Reserviert für UNSERE Gäste“ direkt an mich adressiert zu sein scheint. So finde ich mich auf einen der ungemütlichen Barhocker wieder und versuche zu essen, während abwechselnd der linke dunkelpigmentierte Tischnachbar seinen rechten Arm bzw. der rechte asiatische Tischnachbar seinen linken Ellenbogen beim Schmaus abwechselnd in meine Rippen stoßen. Nicht ihr Fehler, nur der die Stühle- / Tischplatzrelation ist doch ein wenig optimistisch ausgefallen.

Der eine Platz neben mir wird frei, doch eine Gruppe osteuropäischer Mittfünfziger Frauen lässt meine kurz aufkeimende Hoffnung auf ein geruhsames Essen schnell wieder verpuffen. Die eine nimmt Aufgrund Platzmangels am Kopfende Platz, die anderen drei der bulgarischen Version der Jakob Sisters in meiner Ecke. Wie in ihrem Landhaus in Budapest (oder wo sie auch immer herkommen) üblich unterhalten die Damen sich in einer Lautstärke von ca. 130 Dezibel, mit Stimmen, die irgendwo zwischen der Spinne Thekla (aus „Biene Maja“) und dem Nazghul (aus „Der Herr der Ringe“) in Verbindung mit dem Nachwirkungen von 40 Jahren Konsum des selbstgebrannten Kartoffelschnaps liegen, in einer Sprache, die keine klare Syntax erkennen lässt, sondern nur durch verschieden Lautstärken und Krächztöne an Bedeutungsunterschiede zu gewinnen scheint. Und ich sitze direkt in ihrer Schallbahn und versuche zu essen.„Am Fließband bei Aldi hätte ich gemütlicher Speisen können,“ denke ich mir. So schnell habe ich noch nie 2 Burger, ne kleine Portion Fritten und ne 0,4 Cola verdrückt. Die bulgarische Frikadelle an meinem Ohr esse ich später im Zug, wenn sich mein Magengeschwür verflüchtigt hat, zum Nachtisch.

Wie gut, dass ich so geduldig und tolerant bin. Ich hasse Leute mit Vorurteilen ;-).

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