Seelen- und Hirnexhibitionismus

Freitag, Dezember 23, 2005

Weihnachtstraditionen in Fishtown

(I-Tunes spielt: The Hives: Hate to say I told you so)

“Ich bin wieder hier in meinem Revier.” Sang einst Warius Wüller Mesternhagen (oder wie er heißt) einmal. Na gut, das bin ich jetzt auch. In der Stadt in der man schon eines respektvollen Blickes in der Dorfsdisko gewürdigt wird, wenn man Klamotten von H & M trägt. Mit offenen Mündern stehen sie dann da, die Musik wird leiser, ein Spot scheint auf einen und der DJ sagt ehrfurchtsvoll in sein Mikro: „Macht Platz für den Mann von Welt! “I’m the real Jay, please stand up!" Die Stadt in der eigentlich zum Ende der Touristensaison abends ab 19 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden bzw. nur noch für Elfriede und Horst, die gerade vom Kegelclub kommen in Betrieb sind. Die Stadt in der wir früher mit 16 ein Sixpack hinter der Disko platzierten und zum Trinken rausgingen. – Wir hatten ja nichts! Nun zu Weihnachten sind wir alle wieder hier und schwups ist man wieder in den alten Gewohnheiten drin.

Am 24. morgens ab 11 Uhr zum Glühweinmarkt, absolute Pflicht! Das Wort Weihnachtsmarkt wurde schon vor Jahren abgeschafft, denn außer dem Punsch, hat der Fleck schon lange keine weihnachtliche Anziehungskraft mehr für uns. Doch am 24. ist dies anders. An diesen Tag trifft man sie alle, die nicht in Fishtown geblieben sind um eine Karriere als Altenpfleger zu starten. Alle die man länger nicht mehr gesehen hat, einige die man an sich nie mehr sehen wollte aber auch die, mit denen man echt gerne mal wieder einen trinkt, weil man sie echt aus den Augen verloren hat. Ein Standardgespräch verläuft allerdings ungefähr so: Man dreht sich gerade um, stolpert im Gedränge über einen Fuß und schüttet den Bekannten, den man zuvor nicht bemerkte den frisch gekauften Punsch übers Lätzchen. Nach kurzem „Entschuldigung-Ach du bist es“-Geplänkel dann das eigentliche Gespräch:

Er: „Ach, Jay! Du auch hier? Wie geht’s denn so?“
Jay: „Ach ja, geht so. Und selbst?“
Er: „Gut, gut. Was machst du denn so gerade?“
Die logischste Antwort auf diese Frage wäre: „Glühweintrinken und mich mit Leuten Unterhalten, die ich (nicht gerade unbeabsichtigt) aus den Augen verloren habe.“
Folgende Variante werde ich dieses Mal ausprobieren müssen: „Das gleiche wie letztes Jahr, als du mich gefragt hast. Damals hat es dich anscheinend auch nicht interessiert, sonst hättest du es dir gemerkt!“
Bisher kam von mir zugegebenermaßen immer derselbe Sermon. Ich erzähle ihm was ich studiere, frage ihn selbiges und tue so, als wäre es nur die örtliche Entfernung und die Zeit, die seit damals vergangen ist, die zwischen uns steht. OK, vielleicht liegt es auch am Glühwein, dass ich dennoch nett zu ihm bin. Man kann sich nämlich nicht nur Frauen schön, sondern auch ehemalige Schulkameraden netttrinken.

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