Seelen- und Hirnexhibitionismus

Freitag, Dezember 09, 2005

His name was Robert Paulson

Kennt ihr das auch? (Ok wenn, dann kennen es nur die Studenten unter Euch.) Ihr sitz schon seit einem halben Semester in einem Kurs und plötzlich, wie Moses am Ostersonntag (ach nee das war der andere), ist da plötzlich so ein Typ. Ein Typ, der bisher in friedlicher Koexistenz mit Euch gelebt hat. Ein Typ der eigentlich nicht Eurer Aufmerksamkeit entgangen sein dürfte, weil er doch so gar nicht ins Gesamtbild, sprich den Prototypen des 0815-Studenten entspricht. So ging es mir gestern. Solche Erlebnisse kenne ich sonst höchstens aus Serien wie Lost oder diversen Star Trek- Spin Offs. Da wundert man sich: „Hey, den Fähnrich Hans Wurst an der Steuerkonsole oder den Sicherheitsoffizier Lieutenant Dings Bums hab ich noch nie in der Serie gesehen. Viel zu sagen hat der entsprechende Laiendarsteller, der gerade eine 3- jährige Ausbildung als professioneller Knöpfe-in-der-Kulisse-Drücker (ohne zu wissen wofür sie sind) abgeschlossen hat, auch nicht.“ Man hat den Gedanken noch nicht zu ende Gedacht, da macht es Bums, eine Protonenleitung explodiert, weil den Klingonen beim drei dimensionalen Schachspielen langweilig geworden ist und die Enterprise angreifen. Die Diagnose des Doktors (mit ganz, ganz betroffenen Blick: „Captain, wir haben Fähnrich Hans Wurst verloren.“, oder etwas unpersönlicher auf der alten Enterprise: „Er ist tot Jim.“

Aber die Realität sieht anders aus. In der Realität stirbt der geheimnisvolle Fremde nicht. Er ist präsenter denn je. So zumindest in meinem Erlebnis gestern. Er fiel mir schon vor Beginn der Stunde auf, als er mit seinen Schnürsenkellosen Halbschuhslippern über den Seminarsboden zum Platz neben meiner Kopiererfee (ihr erinnert Euch: Wack Wednesday) schlurfte, dort stehen blieb und begann sich dort häuslich niederzulassen. Diesen Platz hätte selbst ich gemieden, der das Wort Beischlaf nicht nur aus einem Buch kennt. Doch bei diesem Kaliber von Frau, hätte ich doch zu große Befürchtungen gehabt, dass sich im Verlauf der Stunde meine Tischplatte, wie von Geisterhand anhebt. Er hat kein Problem damit, sie jedoch schon. Trotz seiner charmant wirkenden Zahnlücke, die ihm es ihm ermöglichen würde zu Pfeifen ohne den Mund zu öffnen, seines Al Borland-Gedächtnis-Holzfäller Hemd, seiner Wildlederweste und einer Doppelcord-Hose, die selbst mein Opa nicht mehr anziehen würde. Die Frauen sind auch wählerisch heut zu Tage, man kann den auch nichts Recht machen! Dezent macht sie ihm deutlich, dass ihre Freundin gleich noch kommen würde und er doch bitte entsprechend den Platz frei lassen möchte. Nun, die Mädels in der Reihe davor haben entweder kein Problem mit ihm oder ihnen fällt keine Ausrede mehr ein.

Der Kurs beginnt. Es geht um afro- amerikanische Literatur. Der Dozent fragt, ob wir in irgendeiner Weise mit den Roman Helden, einen Schwarzen der im Affekt einen Mord begeht, sympathisieren würden. Er meldet sich, er kommt dran. „Jetzt kommts.“, denke ich mir als ich plötzlich seine Ähnlichkeit mit dem Killer im französischen Splatterfilm „Haute Tension“ (auch als „Switchblade Romance“ oder „High Tension“ bekannt) erkenne, der sich immer gerne sein blutiges Rasiermesser an seinem Arbeitsblaumann abzuwischen pflegte. Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, was die Amerikaner mit den Begriff „Redneck“ meinen, aber der Begriff passte zu ihm wie Narzissmus zu Mariah Carey. Mit einem übel klingenden Südstaatenakzent, den man anscheinend auch sprechen kann ohne die Zähne auseinander zu bekommen sagte er: „Welll, I cän’t identify wiz thiz charekter. This story has notting to do wiz my life.“ Mehr als ein „OK, any other opinions?“, wusste der Dozent darauf nicht mehr zu sagen. Ich auch nicht. Aber ich warf in dem Moment mein letztes Mitleid an ihn (er kann ja nichts dafür, dass in seiner Heimatstadt alle die gleiche Haar- und Augenfarbe haben und weitestgehend den gleichen Nachnamen haben) über Bord.

4 Comments:

Anonymous Tino said...

Haiptseminare eben ;)
In meinen Proseminaren sind gar keine heißen Metchen um die es sich zu buhlen lohnen würde.

09 Dezember, 2005 12:54

 
Anonymous Steffen said...

Es soll Studiengänge geben, wo es nicht eine einzige Frau gibt.
Jay, ich denke der MC hat Recht, wenn er von Projekten spricht.
Die Kopierfee wäre doch ein nettes. T-Shirt mit "Kopierfee gesucht" wäre doch nett.

09 Dezember, 2005 17:37

 
Blogger Jay said...

Ähm Jungs, die Hauptrolle ind diesem Post spielt eigentlich der Stranger die Hauptrolle. Auch wenn sich die Figur der Kopierfee tatsächlich langsam zur Serien heldin mausert. T-Shirt klingt cool, werd ich mal gedanken drüber machen.

10 Dezember, 2005 14:53

 
Anonymous Tino said...

Klar dreht es sich um den Kerl, aber über die Kopiertante zu reden ist doch viel interessanter =)

10 Dezember, 2005 16:49

 

Kommentar veröffentlichen

Links to this post:

Link erstellen

<< Home