Seelen- und Hirnexhibitionismus

Mittwoch, November 30, 2005

Die Toten Hosen: Nur zu Besuch: Unplugged im Wiener Burgtheater














Nun haben sie es auch getan. Eine der Starkstromgitarren- intensivsten deutschen Bands macht es ohne Stöpsel bei MTV’s traditionsreicher und selbstbeweihräucherten Veranstaltung. Somit sind sie nach Herbert Grönemeyer, den Fantastischen Vier und den Ärzten erst der vierte deutschsprachige Act dem diese „Ehre“ erfährt. Im Interview mit Sarah Kuttner kann man Campino die Freude darüber irgendwie schwer abnehmen. Für ihn und seine Bandmitglieder scheint es nämlich fast eine Zumutung zu sein, sitzen zu bleiben (oberste Direktive bei MTV-Unplugged, was die Ärzte damals mit einem Auftritt in Rollstühlen umgingen) und ohne Hoffnung auch nur einmal am Abend das typische harte Brett spielen zu dürfen. Tja, die Hosen werden älter, aber man kann ja auch keinen Hai auf Fleischentzug setzen.

Motivationsmangel konnte man den Düsseldorfern bei dem Fernsehauftritt allerdings nicht nachsagen. Ich war ja in den letzten 9 Jahren nicht immer mit den Releases der Altpunks zufrieden, aber diese Konzert hat echt mal wieder Spass gemacht. Begonnen mit den Ramones-Klassiker „Blitzkrieg-Bop“, der noch, wie man es von den Hosen erwartet, munter runter geschrammelt wurde, kamen lieder wie „Opel Gang“ oder „Bommerlunder“ in völlig neuen Interpretationen daher. Letzterer Song wird als Zugabe als eine Art swingender Fahrstuhlmusik-Song dargeboten, der klar ironisch gemeint ist. Bei „Nur zu Besuch“ musste ich leider wegschalten, weil ich schon bei der Albumversion (auf Grund persönlich ähnlicher Erfahrungen) den Tränen nahe bin. Das wars dann aber schon fast mit den Überraschungen. Die anderen Songs wirken, als ob man den Jungs während eines üblichen Hosen-Konzerts heimlich die E- in Akustikgitarren umgetauscht hätte und sie, ohne es zu merken wie gewohnt weiterspielen würden.

Irgendjemand hätte ihnen getrost mal sagen sollen, dass man bei nicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Gitarren auch Spielfehler deutlicher hört. Campino brüllt kaum weniger als sonst in sein Mikrofon. In einem Punkt muss ich Campino aber Recht geben. Abgehsongs wie „Nichts bleibt für die Ewigkeit“ wirken im Unpluggedgewandt doch textauffälliger und werden nicht mehr als Party-Mosh-Songs fehl interpretiert. Alles in allem ein mehr als gut gemeinter Versuch der Hosen sich mal anders zu präsentieren, bei denen man ihnen allerdings ansieht, dass sie einfach nicht die größten Musiker sind. Darüber haben die Hosen-Fans (und ich auch) aber schon seit Jahren großzügig hinwegsehen können. Die Show strotze zwar nicht gerade vor witzigen Ideen, wie die der Genrekollegen „Die Ärzte“, einen Platz in meiner DVD- Sammlung hat sich die Scheibe aber schon verdient.

1 Comments:

Anonymous Tino said...

Haste Dir die Scheibe geholt?
Krieg immer schon einen zu viel wenn ich Campinos Fratze im Fernsehen sehen muss. Musikalisch sind sie ja noch erträglich aber find die einfach zu gezwungen anti.

30 November, 2005 23:24

 

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