Seelen- und Hirnexhibitionismus

Donnerstag, September 29, 2005

Die Spiesser-WG

Die Suche nach der ersten WG (für mich überhaupt die erste Wohnung fern der Heimat) ist für viele eine besondere Erfahrung. Meine Geschichte ist schon zwei Jährchen alt, finde aber, dass es nicht klar gehen würde, bliebe sie ungeblogt.

Mein Eindruck der jeweiligen Menschenkonstellationen hätte anders nicht sein können. Viele der WG’s waren eher Zweckgemeinschaften während die „Spiesser-WG“ doch ihre festen, unveränderbar scheinenden Rituale hatte (Bloß keine Überraschungen bitte). Aber eines nach dem anderen.

Die Spiesser-WG bestand zurzeit aus (ich nenn ihn mal) Horst, 26-jähriger VWL-Student, und Trude (gefühlter Name), 21-jährige Auzubine in einen Teppichgeschäft. Da ich schon 3 Stunden unterwegs war, eine schwache Blase hatte und für zwei Kacken musste, fragte ich entgegen meines Schamgefühls und Anstandes, ob ich ihre Keramikabteilung benutzen dürfte. Hätte ich gewusst, wie die Beiden drauf sind, hätte ich wohl das Risiko eines Darmbruchs mit einen Lächeln in Kauf genommen.

Beim ersten Rumführen durch die Wohnung (Es klingelte derweil des Öfteren das Telefon, die Wohnung schien stark gefragt zu sein.) konnte Trude sich die Bemerkung nicht verkneifen: „Das Bad kennst du ja schon!“ Stolz präsentierte Horts seine James Bond-Film-Sammlung „Im Moment gucken wir die immer zum Abendessen.“ – Ok, wer’s brauch. Andere gucken GZSZ.

Die hohe Nachfrage der Wohnung schien Horst und Trude Rechtfertigung genug zu sein mir eine Frageliste zu präsentieren. Immerhin fragten sie mich vorher, ob das in Ordnung für mich wäre. Mein Unsympath-Toleranz-Barometer (kurz UTB) war aber noch nicht überschritten und so willigte ich ein. So beantwortete ich geduldig den Fragenlatalog während Trude unnachgiebig (+) oder (-) auf ihren Zettel kritzelte. Das Verfahren erinnerte mich ein bischen an einen Psycho-Test aus der Bravo „Passt ihr zusammen?“.

Trude: Kochst du gerne?
Jay: Och naja, meistens hau ich mir ne Pizza rein. (-)
Trude: Würdest du ns beim arbeiten im Kräutergarten helfen?
Jay: Joooaaaa, würd ich machen. (=)
….
Horst: Was machst du Hobbymäßig?
Jay: Segeln.
Mein wohl einziges plus (+). Horst hat auch gesegelt bei der Marine. „Die mobile Infanterie hat das aus mir gemacht, was ich heute bin!“ (Zitat: Starship Troopers)

Horst: Eine Frage würde mich dann persönlich noch interessieren. Hast du gedient?
Jay: Nö, hab 2 ältere Brüder. Da muss ich nicht mehr.
Horst: Aber wenn du gemusst hättest, hättest du dann GEDIENT?
Jay: Nee, ich hätte mit Sicherheit Zivildienst gemacht!

In Gedanken sah ich ihn schon sein altes Sturmgewehr aus den Schrank holen und mein Hirn über den Kräutergarten spritzen. Stattdessen sah er zu seiner Verhörsekretärin hinüber und sagte großzügig: „Gib ihm ein „neutral“! Weil er ehrlich war.“ Immerhin ersparte er mir jegliche „Verweigerer haben kleine Pimmel“-Klischees.

Da hatte ich dann wohl endgültig verloren. Schade eigentlich. Der Ausblick vom Balkon auf den Hof einer Justizvollzugsanstalt (bei dem Anblick denkt Horst bestimmt gerne an seine Marinezeit zurück) wäre doch sehr Reizvoll gewesen.

Als ich dann ein Zimmer hatte, freute ich mich dann schon darauf den beiden UTB-Sprengern einen Korb zu geben. Leider kam Horst mir zuvor. Sichtlich bemüht mir den Eindruck zu vermitteln, dass er noch 100 anderen Absagen muss und in einen Tonfall der den Begriff herablassend neu definiert. Vielleicht wohnt bei ihnen jetzt ja der Busfahrer.

1 Comments:

Anonymous MC Winkel said...

Bei so einem Test wäre ich aufgestanden und gegeangen, aber echt gezz ma!

Schön geschrieben!

30 September, 2005 17:48

 

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